Eine kurze Geschichte der Gartenstadt
Vom Gasthaus an der Furt über die Genossenschaft und die Kasernen bis zur Neuen Gartenstadt: gut hundert Jahre Stadtteilgeschichte, dazu ein Blick weit zurück.
Die Idee kam aus England. Ebenezer Howard beschrieb 1898 die Gartenstadt als Siedlung mit eigenem Garten für jede Familie, günstig und gesund. Ab 1903 entstand mit Letchworth die erste. In Deutschland gründete sich 1902 die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft.
In Schwerin griff Heinrich Bilguer, Leiter der Gewerbeschule, den Gedanken auf. Die Genossenschaft, die er 1912 mit anderen gründete, kaufte ein Jahr später Land östlich des Ostorfer Sees, ganz in der Nähe des alten Gasthauses Püsserkrug. Mit der ursprünglichen Idee hat der Stadtteil heute nur noch den Namen gemeinsam: Gebaut wurde in mehreren Schüben, zuletzt auf dem Gelände der früheren Kasernen.
Zeitleiste
- Steinzeit
Erste Spuren
Am Nordrand der heutigen Gartenstadt fanden sich Hinterlassenschaften des steinzeitlichen Siedlungsplatzes auf der Halbinsel Ostorf. Die alten Flurnamen „Ostorfer Feld“ und „Mittelfeld“ leben in der Straße Mittelfeld weiter.
- 1651
Ein Katen an der Furt
Wo die Straßen von Süden und Osten den Bach zwischen Ostorfer und Faulem See querten, entstand der Püsserkrug. Über 300 Jahre war er Gasthaus, später Mittelpunkt der Gartenstadt. Zur Geschichte des Püsserkrugs
- 1912
Die Genossenschaft
Auf Anregung von Heinrich Bilguer, Leiter der Gewerbeschule, gründet sich die Schweriner Gartenstadtgenossenschaft mit fast 100 Mitgliedern. Vorbild ist die englische Gartenstadtbewegung, die Ebenezer Howard 1898 begründet hatte.
- 1913
Land von der Gemeinde Ostorf
Die Genossenschaft kauft rund 40.000 Quadratmeter zwischen Hagenower und Ludwigsluster Straße. Das Gelände gehört zur Gemeinde Ostorf, gebaut wird vorerst nicht.
- 1920/21
Zu Schwerin und die ersten Häuser
Der Teil Ostorfs mit dem Genossenschaftsland wird nach Schwerin eingemeindet. In der Buchholzallee entstehen die ersten Zweifamilienhäuser, nach Entwürfen des Architekten Willy Taebel. Das übrige Ostorf folgt 1928.
- 1929
Rund 55 Häuser
Bis zur Weltwirtschaftskrise wächst die Siedlung auf rund 55 Häuser, dazu kommen einige Villen an der Haselholzstraße und der Hagenower Straße. Statt der gedachten Arbeiter ziehen vor allem Beamte ein.
- ab 1934
Die Kasernen
Südlich der Wohnhäuser entstehen die Moltke-Kaserne und die Unteroffizier-Krüger-Kaserne.
- 2. Mai 1945
Kriegsende
Gegen 11.30 Uhr erreicht das 121. Infanterie-Regiment der 8. US-Infanteriedivision die Gartenstadt und nimmt danach ohne Widerstand die Stadt ein. Ab Juli 1945 nutzen die sowjetischen Streitkräfte die Kasernen, teilweise auch die Bereitschaftspolizei der DDR.
- 1958
Eine Schule
In der Gartenstadt wird eine Schule gebaut. 1973 wird sie zu Kindergärten umgewidmet. Heute gibt es im Stadtteil keine Schule.
- 1979
Abriss des Püsserkrugs
Die Stadtverwaltung lässt das verfallene Gebäude abreißen. An den Ort erinnern die Straße Am Püsserkrug und ein Findling an der Hagenower Straße.
- 25. Juni 1984
Explosion auf dem Kasernengelände
Im südlichen Teil des sowjetischen Kasernengeländes explodiert Munition, Splitter treffen Gebäude bis in den Großen Dreesch. Ursache und Folgen werden unterschiedlich überliefert; die Zeitung meldete damals nur einen „Brand mit Folgen“.
- 1990
Das Technologiezentrum
Am 17. April 1990 wird das Technologie- und Gewerbezentrum Schwerin/Wismar gegründet. Ab 1991 sitzt es an der Hagenower Straße 73. Mehr zur Wirtschaft
- 1993
Ende der militärischen Nutzung
Die Kasernen werden aufgegeben. Rund 50 Hektar Fläche liegen brach.
- um 2000
Abriss und Sanierung
Nachdem der Denkmalschutz aufgehoben ist, werden die Kasernen bis auf einen Teil abgerissen. Von 2001 bis 2005 werden Altlasten und Munitionsreste aus dem Boden geholt.
- 2002
Die Neue Gartenstadt
Am 6. Dezember 2002 wird der Bebauungsplan „Neue Gartenstadt-Schwerin“ rechtskräftig. In mehreren Abschnitten entstehen bis 2016 Wohnhäuser an Straßen mit Blumennamen und das Nahversorgungszentrum am Blumenbrink.
- 2012–2015
Der Gartenstadt-Bote
Der Verein „Bürger für die Gartenstadt“ wird 2012 gegründet. Dr. Wolfgang Leist gibt in dieser Zeit 18 Ausgaben des Gartenstadt-Boten heraus. Zum Gartenstadt-Boten
- 2018
Ein Platz am See
Am Ende der Rosenstraße entsteht der „Ostorfer SeeBLICK“, bezahlt vor allem aus dem BUGA-Gewinnanteil des Ortsbeirats. Zum Ostorfer See
- 2024
Haus 7 im TGZ
Das Technologiezentrum eröffnet ein neues Gebäude, die Investition liegt bei über 20 Millionen Euro.
Quellen
Wikipedia, Artikel „Gartenstadt (Schwerin)“ und „Ostorf“; schwerin.live, „Im Püsser Krug fing alles an“ (2013, nach Dr. Wolfgang Leist); Stadtchronik der Landeshauptstadt Schwerin; Begründungen der Bebauungspläne 33.01, 34.04 und 35.05; Nordkurier vom 25.06.2024 zur Explosion 1984; Technologie- und Gewerbezentrum Schwerin/Wismar. Für das Jahr der Eingemeindung nennen die Quellen 1920 oder 1921.