Text: Dr. Wolfgang Leist. Er hat die Geschichte des Püsserkrugs aus Akten, Zeitungen und Gesprächen mit Zeitzeugen zusammengetragen.
Ein Katen an der Furt
Erbaut wurde an dieser Stelle 16511 ein Katen durch einen Max Bahr, dessen Haus einem Schweriner Stadtbrand zum Opfer gefallen war. Es ist unklar, warum Bahr sich gerade hier ansiedelte und ob er von Anfang an vorhatte, dort ein Wirtshaus einzurichten. Bekannt ist jedenfalls, dass sein Enkel Christian Bahr 1746 offiziell die Erlaubnis beantragte, Alkohol auszuschenken. Da ging allerdings der Ausschank schon einige Zeit, wie zeitgenössische Quellen vermuten lassen. Dort heißt es:
„Überdem hat man in Erfahrung gebracht, daß dieser Christian Ulrich Bahr eine schlechte Wirthschaft führe, in dem Kahten loses Gesindell auffsacke und dadurch die Soldaten aus der Garnison an sich diene, wodurch viele Desordres erwachsen, immaßen denn auch die Schlägereien zwischen einem Soldaten und dem Jäger vor kurtzer Zeit daher entstanden sind, daß die Soldaten in Bahrs seinem Kahten bis in die späte Nacht gesoffen hatten.“
Gleichwohl wurde die Erlaubnis erteilt.
1748 wird vom „sogenandten Pusserkathen“ berichtet. Zum ersten Mal wird hier der Name „Püsser“ verwendet, wobei die Bedeutung dieses Namens unklar bleibt. Die Lage an dem kleinen Bach zwischen Ostorfer und Faulem See, später nach dem Wirtshaus Püsserbeke genannt, hatte ihre Vor- und Nachteile. Günstig war, dass jeder Reisende, der von Süden oder Osten nach Schwerin kam, die kleine Furt direkt neben dem Haus nutzen musste. Das brachte Kundschaft. Problematisch war allerdings, dass auch alle durchziehenden fremden und eigenen Heere unmittelbar an der Gastwirtschaft vorbeikamen. In den Akten finden sich daher bis zu den Napoleonischen Kriegen mehrfach Hinweise auf Plünderungen.
Zugleich bot diese Alleinlage weit vor den Toren Schwerins und noch mehrere hundert Meter vom Dorf Ostorf entfernt eine gewisse Ungestörtheit gegen nachbarliche und behördliche Überwachung, was von den Betreibern bis weit ins 19. Jahrhundert gern ausgenutzt wurde. So hieß es Mitte des 18. Jahrhunderts, dass dort trotz der damals sehr strengen Sonn- und Feiertagsruhe „des Sonntags daselbst gespielt und von allerley jungen Leuten beyderley Geschlechts getanzt und unordentlich gelebet werde.“ Vermerkt ist später, dass „besonders aber in den sogenannten Püsser-Kathen (…) an Sonn- und Festtagen bis in die späte Nacht musicirt, getanzt, gespielt und getruncken wird“ oder „ferner auf der Püßer Kathen des Sonntags beständig getanzt würde“. Die Anweisungen des Herzogs, diese Unsitte zu unterbinden, hatten keinen dauerhaften Erfolg.
Die Familie Schürmann und die Cholerawache
1820 übernahm Bernhard Georg Schürmann die Wirtschaft. Seine Nachfahren führten den inzwischen deutlich ausgebauten Krug anderthalb Jahrhunderte bis zu seinem Ende.
Als 1831 die Cholera Schwerin bedrohte, setzte man an den Zufahrtswegen Wachtposten ein. Jeder, der nach Schwerin hinein wollte, wurde zunächst einmal in Quarantäne genommen. Eine der Cholerawachen stand am Püsserkrug, wo gleich mehrere Handelsrouten zusammenkamen. Auf dem Blatt von August Achilles (oben) ist zum ersten Mal der Krug (rechts) mit seiner Umgebung zu sehen.
Im Püsserkrug selbst blieb erst einmal alles beim Alten: Man feierte und trank. Eine weitere bekannte Lithografie von August Achilles aus dem Jahr 1844, „Der blaue Montag im Püsserkrug“, zeigt die Szenerie.
Ausflugslokal und Dorfmittelpunkt
In den folgenden Jahrzehnten wurde der Püsserkrug zu einer angesehenen Gaststätte. Dazu trug zum einen die heranrückende Bebauung der Stadt bei, zum anderen ein breiteres Bürgertum, das sich am Wochenende mit der Familie gern im Grünen erholte. Rund um Schwerin entstand in dieser Zeit eine ganze Reihe von Ausflugswirtschaften. Postkarten zeigen den Biergarten des Püsserkrugs und werben für die Gaststätte als „Beliebtester Sommerbelustigungsort“.
Anfang Oktober 1907 warb der Püsserkrug noch ganz in diesem Sinne mit einer Annonce: „Morgen, Sonntag: Großes Gartenkonzert, mit nachfolgendem Familien=Kränzchen.“ Doch wenige Tage später brannte der Krug zum größten Teil ab.
Schon kurz darauf begannen die Planungen und Bauarbeiten für einen neuen Püsserkrug, der nur ein Jahr später wieder eröffnete, diesmal mit einem Ziegeldach. Als ab den 1920er Jahren die ersten Häuser der Gartenstadt und später die Kasernen in der Nähe entstanden, wurde der Krug neben seiner Rolle als Ausflugsgaststätte faktisch zum Dorfzentrum. Das blieb er mehrere Jahrzehnte.
Eine in der Gartenstadt aufgewachsene Schwerinerin beschreibt den Püsserkrug in dieser Zeit so:
„Der Püsser-Krug, der war ein bisschen wüst, ein bisschen lauschig. Er ging bis an den Püsser, den kleinen Bach, heran. Durch den Bach wurden auch die Kühe durchgetrieben, aber wir gingen auch da durch, wenn wir von der Schule nach Hause kamen. Da gab es noch eine kleine Brücke, von der ich heute noch manchmal träume. Aus meiner Sicht als Kind war der Püsser Krug eine Kneipe. Ich weiß später, im Krieg, da holte man sich die Lebensmittelmarken, da war eine Einkaufsmöglichkeit. Da konnte man Altpapier und Altmetall abgeben. Es war ‚möhlig‘. Drum herum standen unter Bäumen Tische und Bänke. Und eine Sache war für uns Kinder sehr bemerkenswert: die ganze Adventszeit hing auf dem Haus ein beleuchteter Stern, das war etwas bemerkenswert Schönes. Für uns hieß es da immer, dass wir ‚bis zum Stern‘ laufen durften, um uns daran zu freuen oder dem Vater entgegenzugehen, wenn er von der Arbeit kam.“
Krieg und Kriegsende
In seiner besten Zeit hatte der Krug neben der eigentlichen Gaststätte mit Saal noch eine Kegelbahn und einen Tennisplatz. Diese Blütezeit endete mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die bisherigen Gäste wurden zum größten Teil eingezogen, das Haus wurde anders genutzt. Ab 1941 waren dort freiwillige „Arbeitsmaiden“ untergebracht, 1943 Zwangsarbeiter aus den besetzten Oststaaten, später italienische Militärinternierte. Als letzter Gastwirt starb Richard Schürmann 1943. Sein Sohn war eingezogen und konnte die Geschäfte nicht übernehmen, 1944 fiel auch noch der Schwiegersohn.
In den letzten Kriegstagen strömte am Püsserkrug alles zusammen. Während über die Hagenower Chaussee von Süden die Amerikaner anrückten, kamen von Osten Zehntausende Soldaten und Flüchtlinge. Hinzu kamen auch Überlebende des Todesmarsches der Konzentrationslager, unter denen auch Überlebende aus Auschwitz waren. Als die Amerikaner an der Hagenower Straße auf einer Wiese deutsche Kriegsgefangene sammelten, hielt ein Kameramann zufällig den Püsserkrug im Bildhintergrund fest.
Konsum, Kindergarten, Abriss
Der Püsserkrug wurde wie weite Teile der Gartenstadt von den Siegern beschlagnahmt, erst von den Amerikanern, dann von den Briten, dann von den Russen. Danach war das Haus in einem schlimmen Zustand. Die städtische Wohnungsverwaltung, die es auf Wunsch der Eigentümer übernahm, richtete einen Konsum ein. Hier kaufte die Gartenstadt ein, hier traf man sich. In einem Nebengebäude entstanden eine Stadtteilbibliothek und eine Mütterberatung, in der Kegelbahn der erste Kindergarten der Gartenstadt.
Doch die staatliche Verwaltung tat dem Gebäude nicht gut. Die Schäden wurden größer und nicht behoben, das Haus verkam. Als der Konsum und ein Teil der Bewohner aus dem Obergeschoss Ende der 1960er Jahre auszogen, wurde gar nichts mehr gemacht.
1974 wurde ein Teil des Grundstücks für eine Straße enteignet. 1979 ließ die Stadtverwaltung den Krug nach dem Auszug der letzten Bewohner abreißen, ohne Zustimmung der Eigentümer. Das Grundstück wurde verkauft, heute steht dort ein Einfamilienhaus.
Was heute erinnert
Neben der Straße Am Püsserkrug erinnert ein Findling an der Hagenower Straße an das Gasthaus. Er trägt die Inschrift „Anno 1620“, wird auch „Peststein“ genannt und steht unter Denkmalschutz. Daneben steht eine Infotafel zur Geschichte des Krugs.
1 Die Stadtchronik im Statistischen Jahrbuch 2025 der Landeshauptstadt Schwerin nennt 1652 als Baujahr. Die frühere Hausinschrift lautete „Erbut Anno 1651, affbrennt 1907, wedder upbugt 1908“.
Wir danken Dr. Wolfgang Leist für seinen Beitrag und sein großes Engagement für die Geschichte der Gartenstadt.